Arranged Marriage

Guten Abend alle miteinander,

 

mich hat die letzten Tage permanent ein Thema beschäftigt, von dem ich nie gedacht hätte das es mich irgendwann tangiert: Arrangierte Ehen bzw. Zwangsehen. In Deutschland finden sie wenn dann vermutlich nur in moslemischen Kreisen statt. Hier sind sie gang und gebe.

 

Folgende Situation: Am Montag Nachmittag werd ich zusammen mit einer handvoll Kollegen in die Cafeteria gerufen. Dort steht Vidhi mit einer Torte. Vidhi ist 24 Jahre alt, zierlich, wie fast alle Inder dunklere Haut und schwarzes Haar und pflegt ansonsten einen relativ westlichen Lebensstil mit westlicher Kleidung (die meisten tragen hier einen Salwar mit Korta) und Iphone (wär bei uns nix besonderes, hier sind das mal locker 1-2 Monatseinkommen, selbst wenn man hier bei Siemens arbeitet).

 

Sie schneidet die Torte mit zitternden Händen und überreicht jedem eins. Die Torte hat nen klebrigen Schokoladenüberzug, so dass alle sofort klebrige Hände haben.

Dann verkündet sie, dass sie jetzt verlobt sei. Ihre Eltern haben jemanden für sie gefunden. Alle gratulieren ihr und verspeisen ihre Torte. Nebenbei erkundige ich mich ob das eine Love Marriage oder Arranged Marriage sei. Arranged kommt wie selbstverständlich zurück.

 

Ich hatte fast so was erwartet, da ich schon vorher auf das Thema gestoßen war: Bei einem Besuch bei einer Kollegin, um die Tante von Ganesha anzubeten, kamen wir kurz auf das Thema zu sprechen. Die einzige Verheiratete war Usha. Seit 4 Jahren, selbstverständlich arranged. Ich fragte neugierig, ob sie damit glücklich. Darauf antwortete sie nach längerer Zeit etwas auf Hindi oder Maharati. Später hab ich Neelum gefragt was sie gemeint hat. Sie hatte sich in all der Zeit diese Frage noch nie gestellt.

 

Zurück zu Vidhi, man sieht sie übrigens, mehr schlecht als recht, auf Bild #13 bei den Ausflugsbildern. Da stehen zwei Mädels sich gegenüber mit der Stahlstange zwischen sich, die sie gleich verbiegen werden. Sie ist die rechte.

 

Am selben Abend waren wir zusammen essen gehen, ursprünglich wollte sie mich bloß nur auf dem Weg zu ihr bei mir rauslassen, aber wir haben auf der Fahrt intensiv diskutiert, dass sie ihren Fahrer angewiesen hat, zu einem Restaurant in meiner Nähe zu fahren. Fahrer sind hier eigentlich nichts besonderes, weil sie fast nix kosten, dennoch ist es für eine unerfahrene Einsteigerin ungewöhnlich. Es stellte sich heraus, das ihr Vater den Wagen zahlt. Damit kann die Familie locker der in Mumbai stark wachsenden, aber relativ aber immer noch schwachen oberen Mittelschicht zugeordnet werden.

 

Während der Fahrt, eher oder eher dem Stehen, (wir brauchten für 10km rund 1,5h) hat sie mir versucht die indische Perspektive nahe zu bringen, und ich ihr im Gegenzug meine.

 

Sie hatte ihren Verlobten zwei Mal gesehen und konnte auch den drängelnden Kollegen kein Foto vorweisen. An dem Tag machte sie einen ziemlich überforderten Eindruck und hat mehrmals unaufgefordert bekundet nicht schnell heiraten zu wollen.

Den Grund der Verlobung gab sie an, mit das es ja jetzt langsam Zeit werden würde und das ihr Vater ein großer Stein vom Herzen fallen würde, wenn die größte Tochter unter der Haube sei. Dann habe auch die kleine gute Chancen bald verheiratet zu werden. Dann habe ihr Vater keine Sorgen mehr. Indische Hochzeiten sind für die Familie der Braut extrem kostspielige Angelegenheit, es werden nicht selten fünf bis sechsstellige Eurobeträge ausgegeben. Bei einem Land mit einem GDP per capita von $3100 (Deutschland $34100, beide 2009, CIA Factbook) bemerkenswert. Oft verschulden sich die Familien über beide Ohren um das zu stemmen.

 

Als weiteren Grund führt Sie den sozialen Druck auf. Würde sie nicht bald heiraten, würde ihre Familie von allen gemieden werden, ihre kleine Schwester hätte nur sehr schlechte Chancen einen Ehemann zu finden, da der Familienname jetzt beschmutzt sei.

 

Ich meinte ob sie denn nicht selbst jemanden gefunden habe, sie sei ja schließlich jung und attraktiv, darauf hin verneinte sie das und brachte als Grund vor allem die unterschiedlichen Klassen mit ins Spiel. Schließlich muss der Ehegatte der eigenen Klasse/Kaste/Religion/etc. entsprechen, oder sich zumindest in ähnlichen Milieus bewegen. Liebe würde sich ja mit der Zeit entwickeln. Daraufhin meinte ich zu ihr das ich nicht glaube, dass es Liebe ist, was sich da entwickelt, sondern lediglich eine Art von Gewöhnung aneinander, an die Marotten und Eigenarten des jeweils anderen, aber Liebe sei das nicht. Im Westen ist Liebe (neben steuerlichen Vorteilen) ja der eigentliche Grund um zu heiraten.

 

Ich hatte vorher mit der einer liberalen Einstellung geworben. Freiheit für alle, solange es die Freiheiten der anderen nicht eingrenzt, siehe Art. 2 GG. Ich war total verwundert, dass es bei ihr gar nicht wirkte und sie nicht den Drang verspürte, selbstständig in jeder Hinsicht zu sein. In Zukunft würde sie unter ihrem Mann in seiner Firma arbeiten.

 

Ich hab es irgendwann aufgegeben und einfach das indische Essen genossen, das mal wieder hauptsächlich aus Gewürzen bestand und zu einem geringen Teil aus Geschmacksträgern.

 

Ich hab den Eindruck, dass sie ihren Vater in diesem Sinne als Datingbörse "benutzt" hat, um einen standesgemäßen Ehemann zu finden, für den es ja jetzt aufgrund des gesellschaftlichen Drucks Zeit war. Sie hatte in diesem Sinne auch nix gegen diese Form, zumal sie ein gewisses Mitspracherecht habe. Bei Nichtgefallen könnte die Verlobung ja auch wieder gelöst werden. Das sie bei dem sozialen Druck, der überhaupt erst zur Verlobung geführt hat, das tatsächlich tut, zweifel ich jedoch stark an.

 

Als ich ein bisschen im Büro rumgefragt habe stellte sich heraus, dass rund 90% in Arranged Marriages leben und ich zumindest nicht feststellen konnte, das sie damit unzufrieden sind. Es gibt jedoch ein starken Trend in den Städten, hin zu Love Marriage, wenn gleich der relative Anteil immer noch verschwindend gering sein dürfte.

 

Zusammenfassend lässt sich irgendwie sagen, dass Vidhi's Heirat scheinbar nicht gegen ihren Willen, aber aufgrund des sozialen Drucks stattfinden wird. Andere Fälle gibt es auch. Sandy, ein deutsches Mädel, dass sich zur Zeit auch in Mumbai aufhält, hat mir von weinenden Mädchen im Frauenhostel erzählt, die nach eigener Auskunft ein halbes Jahr geweint haben, weil sie jetzt zurück aufs Land müssen, weil ihre Eltern einen Ehemann für sie gefunden haben.

 

Allgemein ist das öffentliche Leben stark nach den Geschlechtern getrennt, Frauen reisen in separaten Waggons, schwimmen zu anderen Zeiten und Bikinis wird man hier vergebens suchen. Es sei denn es ist ein Touri...

 

Aber irgendwie bin ich mit dem Ergebnis unzufrieden, ich weiß nicht ob ich das Thema einfach ruhen lassen soll, weil sich ja sowieso alle damit arrangiert haben und das hier total normal ist, oder ob ich weiter versuchen soll meine Werte zu vertreten. Ich argumentiere gegen die sozialen Normen in diesem Land und zwar vorwiegend mit Emotionen, jedoch scheint es deutlich wichtiger sozial abgesichert zu sein. 

Ein sehr anachronistischer Zug eines in Ansätzen modernen Landes.

Vielleicht habt ihr ja Meinungen, Ideen, Statements oder einen guten Rat den ihr  geben könnt. Es würde mich freuen.

 

Euch noch einen schönen Abend, ich werd jetzt versuchen Kricket zu spielen.

Das lasse ich mir von den indischen Freunden, mit denen ich Ganpati gefeiert habe, beibringen.

 

Gute Nacht.

Ric

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Lukas (Mittwoch, 29 September 2010 18:30)

    Lass uns das mal in nen par detaillierten Mails aus diskutieren! Facebook bietet sich an! Mein genereller Rat lautet: vertrete ruhig weiter deine Meinung aber versuche nicht in Entscheidungen andere durch so etwas zu beeinflussen da so etwas in doch traditionsreichen Gesellschaften auch mal jemand in den falschen Hals bekommen kann! Ein solches Missverständnis kann bei starkem wie du es ausdrückst starkem sozialem druck auch starke Reaktionen zur Folge haben!

  • #2

    Jana (Samstag, 02 Oktober 2010 18:27)

    Hey Ric, wow, das ist ein schwieriges Thema. Klar ist es aus unserer westlichen Erziehung schwer nachzuvollziehen, weil das Arrangieren von Ehen gegen unsere Vorstellung von Glück und Liebe spricht, und außerdem diskriminierend ist. Auch scheint es zum Teil einfach ein Geschäft zu sein, eine möglichst hohe Mitgift zu erzielen. Am schwierigsten finde ich aber, dass sich die Eheleute kaum kennen, und so die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass man das restliche Leben in einem Kompromiss leben und die vielleicht grundverschiedenen Ansichten des Partners einfach akzeptieren muss. Andererseits ist das Sicherheitsbedürfnis und der Wunsch, dass das eigene Leben mit den Vorstellungen der Familie und der Nachbarn konform verläuft, für uns schwer nachzuvollziehen. Zumindest scheint es ja so zu sein, dass die Kinder mittlerweile ein Mitspracherecht haben und nicht mehr gezwungen, jemanden gegen ihren absoluten Willen zu heiraten. Ich glaube, du solltest vorsichtig sein, dass du mit deiner kritischen Einstellung niemanden vor den Kopf stößt, und eher beobachten. Es ist ja generell gut, seine Meinung zu äußern, und seine Mitmenschen dazu bewegen zu wollen, die Situation von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten. Ich denke aber, dass das Thema sehr heikel und viel zu sehr in der Gesellschaft verankert ist, als dass du da mit deiner westlichen liberalen Einstellung viel bewegen kannst. Fühl dich gedrückt! Jana