Die Collage

Die Collage

 

Oder auch eine endlose Geschichte indischer Arbeitskultur. Die Geschichte hat ihren Ursprung in dem Ausflug nach Powai, den ich im ersten Blog beschrieben habe. Dort sind diverse Fotos entstanden (ca.300) und meine deutsche Chefin hat mich gebeten, daraus doch bitte ne Collage zu machen, die man im Büro als Erinnerung aufhängen kann.

 

Hmm, nichts weiter als das. Hab alle Kollegen abgeklappert, ob sie noch Fotos haben und mich dann am nächsten Tag an die Arbeit gemacht. Da die Firmenrechner nicht grade die schnellsten sind, habe ich meinen mit in die Arbeit geschleppt und darauf Picasa installiert, eine Software mit der man digitale Kollagen erstellen kann. Beim Sichten der Fotos ist mir aufgefallen, dass rund 95% der Fotos in relativ schlechter Qualität aufgenommen wurden. Das hat mich gewundert, den der Kollege hat eine ähnliche Kamera benutzt, wie ich sie besitze. Nach kurzer Rücksprache hab ich die Ursache feststellen können. Bei der Kamera funktionierte die äußere Verschlussklappe nicht mehr, so dass Dreck und Schmutz ungehindert auf die Linse gekommen sind, dies hat dann auch zu den schlechten Bildern geführt. Naja, aufgrund der schieren Masse machten seiner Bilder konnte ich sie leider nicht umgehen.

 

Ich hab einen Tag lang die Fotos ausgewählt und damit rumgespielt, und sie in unterschiedlichen Versionen arangiert. Zwei Tage später war ich mit der Collage zufrieden und hatte alles von den Chefs abgesegnet gekriegt. Auch vermeintliche Kleinigkeiten habe ich aus dem Weg geräumt. Den mir wurde beim Rumzeigen erklärt, dass die Ganesha, den Elefantengott, den ihr in der oberen linken Ecke seht, aufrecht stehen muss, ich hatte sie um 60° gekippt, da sie so perfekt oben in die Ecke passte, jetzt neigt sie sich nur noch um 15° und alle sind zufrieden.

 

Es war Freitag früh und ich wollte das ganze jetzt gern zum Drucken geben. Damit sich alle auf der Collage auch wiederfinden, wollte ich sie in A2 haben. Das konnten nun nicht mehr die CC-Leute machen, da ihr Drucker nur bis A3 geht, aber der wär eh kaputt gewesen. Also haben die schnell nen Lieferanten angerufen ihm ne Mail mit der Collage rübergeschickt und meinten, der Probedruck würde so in 15 Minuten kommen. Ich war zum einen überrascht, dass es so schnell gehen sollte, aber Indien war ja als Dienstleistungsland bekannt.

 

Im selben Moment wurde mir klar, dass es nicht ganz so schnell gehen würde, aber scheinbar war es ja kein allzu großes Unterfangen das Ganze zu Drucken und ich freute mich schon bald den Druck in den Händen zu halten. Da ich den Druck zum Mittag immer noch nicht hatte bin ich am Anschluss ans Essen die Treppen zum fünften Stock empor gestiegen und hab mich nach dem Verbleib erkundigt. Der Kollege hat sofort den Lieferanten angerufen, der vorgab, das Bild sei schon auf dem Weg zu mir und in zehn Minuten bei mir sei. Etwas ungläubig habe ich das Büro verlassen und überlegt wie lange es wohl jetzt noch dauern würde, ohne zu wissen, dass ich heute das Bild nicht mehr erhalten wurde. Um vier Uhr bin ich leicht säuerlich wieder in der fünften Stock hochgeklettert, nur um Kollegen anzuschnauzen die eigentlich nichts dafür können. Mir wurde erklärt, das der Lieferant eigentlich ganz zuverlässig ist, aber da er grad wegen Diwali diverse Aufträge hat, etwas überlastet ist.

 

Diwali ist übrigens eine Mischung aus Weihnachten und Neujahr für die meisten Inder. Da es das Festival der Lichter ist, wird jedes Haus durchaus vergleichbar mit unserem Weihnachtsschmuck, geschmückt. Für die Inder beginnt zu diesem Zeitpunkt auch das neue Jahr, was sie ähnlich wie wir mit Feuerwerken begehen, um das Böse zu vertreiben. Diwali ist auch der Grund, warum ich jetzt hier grade in Goa sitze und den Blog schreibe, den die Firma hat ihren Mitarbeitern frei gegeben. Ich habe zusammen mit Thomas und Eeva die Gelegenheit genutzt, um uns an schöne Strände abzusetzen. Nur leider hat es heute, am Tage unserer Ankunft gut geschüttet. Dementsprechend ist der erste Eindruck nicht ganz so rosig, morgen mieten wir uns Scooter und fahren nach Old-Goa und machen die Gegend etwas unsicher. Aber dazu später mehr.

 

Zurück zum Foto: Der Probedruck kam dann endlich am Montag und sah gut aus. Da aber jeder auf dem Foto rumtatschen wird, bestellte ich das nächste Foto laminiert. Der Kollege riet mir davon ab, alle auf einmal zu bestellen, sondern erst mal das erste abzuwarten und abzuwarten. Inzwischen hatte er den Lieferanten gedroht, ihm sämtliche Aufträge für die nächste Zeit zu entziehen, weswegen der inzwischen etwas besser lieferte. So hielt ich schon am nächsten Tag die laminierte Version in den Händen, die sah aber gar nicht gut aus. Sie war etwas schräg verglichen mit dem Foto, das größte Problem aber war, das sich über das ganze A2 Bild Blasen befanden, die die Optik, das einzig entscheidende Kriterium in diesem Fall sehr störten. Also, ab ich den Druck der nächsten beiden Fotos mit Laminierung abgesagt und nur die Bilder genommen. Dann hab ich wenigstens schon mal die Bilder.

 

Der CC-Kollege empfiehl mir einen Rahmen aus Acrylglas um die Bilder herumbauen zulassen, der genau mit den Bildern abschließt und somit perfekt an die Säulen passen würde. Er hatte auch einige in seinem Büro und mir gefiel diese moderne Version des Rahmens. Also hab ich einem weiteren Kollegen, der dafür verantwortlich ist, von meinem Vorhaben erzählt und bin auf Unterschriftenjagd gegangen, um die Genehmigung meiner Chefs einzusammeln, da der Spaß mit rund 80€ für indische Verhältnisse relativ teuer war. Aber das hat sie gar nicht gestört, für eine Erinnerung an diesen Ausflug hätten sie scheinbar auch deutlich mehr gezahlt. Also hab ich die Rahmen bestellt. Sie sollten am Freitag Nachmittag geliefert und montiert werden.

 

Da um 17.45 Uhr mein Bus nach Hause ging und die guten Stücke um 17 Uhr immer noch nicht geliefert waren rief ich über diverse Ecken den Lieferanten an, welcher mir versicherte, dass seine Kollegen schon auf dem Weg sein und bald gleich mir. Irgendwie kam mir das bekannt vor. Aber da wir den Lieferanten gewechselt hatten, ging es diesmal tatsächlich so zügig wie beschrieben. Um 17.25 kamen fünf Angestellte des Lieferanten und brachten sämtliche Utensilien. Warum es fünf waren weiß ich nicht. Zwei oder drei hätten vermutlich auch gereicht, aber Arbeitskraft kostet hier ja nix.

 

Bevor einer der Angestellten anfangen wollte zu bohren, wollten sie aber erst eine Genehmigung dafür. Mein Chef verwies mich an meinen Kontakt bei der SRE, zuständig für das Gebäude, der meinte erst das er es nicht weiß. Dann war er der Meinung, dass das nicht möglich sei, da niemand in die Säulen bohren darf. Auf meinen Einwurf, dass bei ihm in der Säule deutlich einige Schrauben zu sehen waren reagierte er nachdenklich. Irgendwann hatte ich ihn soweit, das er das ganze genehmigte, unter der Bedingung, das der Kollege aus der Creativ Abteilung sein Ok dazu gibt. Der wusste ja schließlich von meinem Unternehmen, hat also zugestimmt, aber ich dann sollte ich noch das Ok seines Chefs, der zu dem Zeitpunkt sich mit dem Siemens CFO in Goa befand, da dort eine neue Fabrik eingeweiht wurde. Der meinte wär kein Problem und ich war schon erleichtert, ich dachte, dass ich heut nix mehr erreichen würde. Ich hab mich kurz gewundert, warum jetzt irgendjemand aus der Creativabteilung ein Ok für mein Bohren in eine Säule geben musste, da es ja wohl eher die in den Zuständigkeitsbereich des Gebäudemanagement fiel, aber egal.

 

Schnell trieb ich die Jungs zum Bohren an, um möglichst schnell Tatsachen zu schaffen, bevor sich es irgendeiner in der endlosen Befehlskette anders überlegte. Die hatten aber nicht mal die Steckdose für die Maschine gefunden, da stand irgendjemand anders, ließ sich das kurz erklären und erklärte dann, dass es nicht möglich sei. Ich fragte provokativ warum das nicht möglich sei, langsam ging mir das ganze Hin und Her und Genehmigungsverfahren tierisch auf die Nerven. Er meinte nur, dass es nicht ging. Darauf hin forderte ich von ihm eine andere Möglichkeit. Er wollte grundsätzlich alles auf Montag verschieben, woraufhin ich meinte, das ich zumindest die Lösung jetzt wolle, da sich der Spaß nun inzwischen schon zwei Wochen hinzieht. Und es nun schon Freitag Abend um sieben Uhr sei und ich keine Lust habe noch weitere zwei Wochen zu warten. Zunächst rührte sich nix und ich hielt kurz Rücksprache mit meinem Chef.

 

Als ich dann wieder aus seinem Büro rauskam, wurde mir meine Lösung präsentiert. Die Bilder würden auf einen festen Karton gedruckt und laminiert. Und das alles schon am Montag, ich war überrascht. Das war doch etwas, was ich einigermaßen akzeptieren konnte, dafür dass ich meinen Freitag für das Bild opferte. Ich beschloss, dass ich eh nix mehr erreichen würde und gab mich damit zufrieden. Außer mir waren nur noch um die 10 Kollegen im Büro, die mit mir zusammen gingen. Zwei Kollegen würden bald Mumbai verlassen, der eine nach Dubai, die andere nach Delhi und es sollte ihr Abschlussessen sein. Ich lud mich noch kurz selbst ein und hatte dann noch einen einigermaßen gelungenen und fröhlichen Abend.

 

Am Montag Nachmittag um 17.00 Uhr war der Lieferant wieder da, mit den Pappcollagen. Und 30 Minuten später hingen die drei Stück an Ort und Stelle. Ich hab mich gefreut wie ein kleines Kind. Und überraschender Weise kann auch alles ganz schnell hier gehen, wenn man nur die richtigen Leute bequatscht und irgendwie Druck ausübt. Der große Unbekannte stellte sich heraus als der Chef des Gebäudemanagement in ganz Indien. Hupps, naja Ziel erreicht, Kollateralschäden sind manchmal unvermeidbar.

 

In den nächsten Tagen werd ich mal versuchen die Erlebnisse der letzten Wochen in Text zu gießen und euch mitzuteilen, bevor ich am Freitag nach Amritsar fahre.

 

Liebe Grüße

Ric

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